Gemeinsam auf dem Weg zum Fairen Handel

Interreligiöse Dialoge finden im Fairen Handel ihren Platz –Gerechtigkeit kennt keine religiösen Grenzen

Der Faire Handel in Deutschland hat christliche Wurzeln. Das ist nachvollziehbar, denn Deutschland ist vorwiegend christlich geprägt und der Faire Handel aus den entwicklungspolitischen Bewegungen der evangelischen und katholischen Jugendverbände heraus entstanden. Doch Gerechtigkeit ist ein Thema in fast allen Religionen. Welche theologischen Grundlagen bietet beispielsweise der Islam für den Fairen Handel? Was sagt der Koran zu gerechtem Welthandel? Spielt der Faire Handel eine Rolle in Moscheengemeinden? Welt&Handel hat sich umgeschaut und einige interreligiöse Aktionen und Ansätze gefunden.

Der Weltladen Bornheim pflegt eine freundschaftliche Beziehung zu dem Frankfurter Verein Islamische Informations- und Serviceleistungen (IIS). Im Gemeindeladen der Moschee nahe des Frankfurter Hauptbahnhofs stehen neben Gebetsbänden, Koranausgaben, Bücher über Islamfeindlichkeit und das muslimische Leben in Deutschland auch eine Reihe fair gehandelter Produkte. Im September 2009 startete der Verkauf in der Moscheegemeinde. Später hat der Weltladen gemeinsam mit dem IIS eine Broschüre mit dem Titel „Islam und Fairer Handel“ herausgegeben, für die es 2015 gar einen Sonderpreis beim Wettbewerb „Hauptstadt des Fairen Handels“ gab. Ursula Artmann vom Weltladen erzählt: „Es begann 2008 mit einer von missio organisierten Reise zweier Nigerianer – eines Imams und eines Priester, die gemeinsam in ihrem Heimatland mit Jugendlichen für Frieden und Versöhnung arbeiteten. Der Weltladen Bornheim lud die beiden zu einem Besuch in Frankfurt ein. Um einen passenden Rahmen und Ort zu finden kamen wir auf die Idee, die Moscheegemeinde IIS. zu fragen und konnten dort einen Infoabend mit den Gästen veranstalten. Seitdem bestand eine lockerer Kontakt zwischen uns und dem IIS. Besonders interessant war die Bemerkung des nigerianischen Priesters, dass es ihn sehr berührt hat, als Priester in einer Moschee sprechen zu können.

In Nigeria sei das schwer vorstellbar.“ Die Veranstaltung wurde auch zweimal von Gebetseinheiten „unterbrochen“. „Da haben sich die Muslime zum Beten gewandt und wir haben still dabei gesessen.“ In Darmstadt hat sich ein Zusammenschluss von Darmstädter Musliminnen und Muslimen, dem Weltladen Darmstadt und dem hessischen Eine Welt-Promotor*innen-Programm zusammengetan und interreligiöse Veranstaltungen organisiert. Dabei ging es um die Vermittlung von Fairem Handel(n), von dem auch viele Musliminnen und Muslime in ihren Herkunftsländern profitieren. Die Website www.fair-trade-islam.de zeigt die Chancen die eine Kooperation von Weltläden und muslimischen Gemeinden bieten.

Gemeinsam können wir viel bewegen

Auch in Penzberg wird der interreligiöse Kontakt groß geschrieben. Mit der Auszeichnung zur Fairtrade-Stadt hat  sich ein interreligiöses Umwelt-Team aus Mitgliedern der islamischen, evangelischen und katholischen Gemeinden gebildet. Gemeinsam konnten sie im vergangenen Oktober die Schöpfungstage begehen. „Es gab eine Wanderung  von einem Gotteshaus zum anderen. In den Kirchengemeinden wurden Veranstaltungen zum Fairen Handel angeboten. Unter anderem ein Vortrag über fair gehandelte Kleidung“, erklärt Gönül Yerli, Vize-Direktorin des islamischen Forums Penzberg. Es gibt sogar ein gemeinsames Logo mit den Abbildungen der Kirchen sowie des Rathauses. „Wir haben die Verpflegung in der Moschee komplett auf Fairen Handel umgestellt. Die Sensibilisierung hat stattgefunden, unsere Mitglieder gehen da mit uns mit. Auch im Freitagsgebet wurde der Faire Handel zum Thema gemacht. Ich denke, wir sind da auf einem sehr guten Weg.“ Die Gemeinde beteiligt sich an Aktionstagen wie dem bundesweiten Kaffeetag, an dem mehr als 300 Tassen fair gehandelten Kaffees ausgeschenkt wurde. „Und am Zuckertag gab es Fairtrade-Rosen“, sagt Gönul Yerli. Georg Kurz, Leiter der Steuerungsgruppe Fairtrade- Stadt erklärt: „Die Verantwortung für die Schöpfung bringt uns Menschen zusammen, unabhängig von der Religion. Gemeinsam können wir viel bewegen und voneinander lernen.“

„(…) und seid gerecht! Gewiss, Gott liebt die Gerechten.“

Vor allem in den Hadithe (Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed) ist das Thema Gerechtigkeit ein wichtiger Bestandteil. Hamideh Mohagheghi, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Koranwissen schafften an der Universität  Paderborn: „Der Koran selbst geht in seinen Schriften eher unkonkret auf den Handel ein. Da heißt es ´Ihr sollt gerecht handeln, auch wenn es nicht zu euren eigenen Gunsten ist´. Die Überlieferungen sind konkreter. Eine Aufforderung nennt den gerechten Lohn für Menschen: ´Arbeiter sollen am Ende des Tages ihren gerechten Lohn erhalten´ und ´Menschen, die für die Gesellschaft etwas tun, sollen gleich behandelt werden.“ Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit sind also zentrale Bestandteile des Islam. „Allah gebietet Gerechtigkeit, gütig zu sein und den Verwandten zu geben. Er verbietet das Schändliche, das Verwerfliche und die Gewalttätigkeit. Er ermahnt euch, auf dass ihr bedenken möget.“ (Sure 16 „Die Bienen“; Vers 90) und „Wehe denen, die das Maß verkürzen, die, wenn sie sich von den Leuten zumessen lassen, volles Maß verlangen, aber weniger geben, wenn sie ihnen zumessen oder auswiegen. Glauben diese etwa nicht, dass sie auferweckt werden an einem gewaltigen Tag, dem Tag, an dem die Menschen vor dem Herrn der Welten stehen?“ (Sure 83 „Die das Maß kürzenden“; Verse 1-6)

Projekt Faire Moschee in NRW

Seit 2015 führt das Forum für Soziale Innovation (FSI) das Projekt „Faire Moschee NRW“ durch, gefördert vom BMZ, der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW, der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt sowie von Engagement Global. Ziel des Projekts ist die Sensibilisierung und Aktivierung von muslimischen Gemeinden, Vereinen und Engagierten in NRW für Themen wie Umwelt- und Klimaschutz, Fairer Handel, gerechter Konsum und soziale Nachhaltigkeit. Die „Faire Moschee“ entstand 2014 als eine gemeinschaftliche Idee des FSI und Wali Aktiv e.V., einem Verein engagierter Muslime in Dortmund. Es folgte eine Fachtagung zum Thema Anfang 2016. Die Grundlage bildet ein Islamverständnis, das Fairness in vielen Bereichen des Lebens als ein Prinzip der Religion versteht. Der Koran beinhaltet eine Vielzahl an Anknüpfungspunkten für den Wert der Fairness. Das Projekt „Faire Moschee“ soll diese Anknüpfungspunkte – definiert durch die vier Arbeits- und Aktionsfelder: Umwelt,

Konsum, Soziales und Innovation – wieder ins Bewusstsein der Menschen holen. Auch Moscheen bieten dafür gute  Voraussetzungen. Sie sind ebenso wie christliche Gemeinden oder nichtreligiöse Zusammenschlüsse Orte des Austauschs, der Bildung und Erziehung. Als Pilotgemeinde hat der Moscheeverein Wali Aktiv e.V. bereits Initiative ergriffen.  Neben Vorträgen zu den Themen Fairer Handel, nachhaltiger Konsum und Umwelt, erfolgte während des Ramadan der Einkauf für das gemeinschaftliche Essen am Abend nach ökologischen und fairen Kriterien. (www.abdelhay-fadil.de/faire-moschee). Das Prinzip des Fairen Handels gilt unter Islamwissenschaftler*innen als zutiefst islamisch. Gerechtigkeit und das Gebot, Menschen zu helfen, seien auch Grundsätze des Islam. Mit dem Verkauf der Produkte wolle man einen Dialog über die Problematik anstoßen und zeigen, „wir sind eine Marktmacht und können etwas ändern. In dieser Bewegung der „Fairen Moschee“ vernetzen sich seit einigen Jahren immer mehr Akteure aus Kommunen, Kirchen & Moscheen und aus der Zivilgesellschaft, um muslimische Vereine dabei zu unterstützen, Eine-Welt-Themen im Vereins- und Gemeindeleben zu verankern.

Migration und Entwicklung – Fairtrade Städte engagieren sich

Die Fairtrade-Town Bewegung ist ein weiterer Ankerpunkt für den interreligiösen Austausch beim Thema Fairer Handel. Wie in Penzberg gibt es in vielen anderen Kommunen Beispiele für eine gelungene und kreative Zusammenarbeit in Steuerungsgruppen. Die "Ingelheimer Faire Interkulturelle Woche" verband im vergangenen Jahr die Faire Woche mit der Interkulturellen Woche. Im Aktionszeitraum fanden zahlreiche Aktionen zum Fairen Handel statt, z.B. Vorträge über fair gehandelten und fair finanzierten Zucker aus Paraguay, ein Weltcafé zu fairem Kakao im Mehrgenerationenhaus sowie eine öffentliche Filmvorführung "The True Cost" mit Diskussion. Regionale Netzwerktreffen der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt gab es in mehreren Bundesländern. Im vergangenen Jahr wurden auf dem Treffen „Migration und Entwicklung auf kommunaler Ebene für Baden-Württemberg“ in Herrenberg Ansätze für mehr „Interkultur“ in den Fairtrade-Kommunen Baden-Württembergs diskutiert. Gemeinsam mit der Organisation finep stand der Faire Handel als Schwerpunktthema auf dem Programm.

Ursula Artmann empfiehlt Weltläden, mit anderen Religionsgemeinschaften zusammen zu arbeiten, wenn es sich anbietet. „Die Zusammenarbeit mit der Moscheegemeinde ist für uns eine bereichernde Erfahrung, wir haben dadurch schon viel Neues kennengelernt. Ich freue mich auch sehr darüber, dass seit Kurzem eine junge Frau aus der Moscheegemeinde bei uns ehrenamtlich mitarbeitet. Das wird unsere Kooperation sicher noch verstärken.“ Das Thema Fairer Handel kann als Brücke zwischen den Kulturen gesehen werden. „Natürlich“, so Ursula Artmann, „gibt es in anderen Kulturen immer auch Traditionen oder Gebräuche, die uns fremd vorkommen. Aber das Schöne an unserer

Zusammenarbeit mit der Moscheegemeinde ist, dass wir nicht über das diskutieren müssen, was uns trennt, sondern zeigen können, was uns verbindet! Unser gemeinsames Ziel ist der Faire Handel, und es macht viel Freude, daran zusammen zu arbeiten.“ Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind Aufgaben, die in allen Religionen eine wichtige Rolle spielen und gemeinsames Anliegen in der Welt sind! Wenn man bedenkt, dass der Faire Handel ein sehr erfolgreiches ökumenische Projekt in Deutschland und ein Beispiel dafür ist, wie über Jahrzehnte hinweg gute ökumenische Zusammenarbeit laufen kann, sollte dieses Potential genutzt werden. Ein Scharnier für interreligiöse Zusammenarbeit – die Beispiele zeigen: Der Faire Handel kann das leisten.

Gundis Jansen-Garz

 

 

Interessant in diesem Zusammenhang ist der Artikel „Fairer Handel aus theologischer Perspektive“ von Dr. Markus Raschke, der im Leitfaden für Gemeinden und Verbände „Fair durchs Kirchenjahr“ (2014 von Misereor, dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und dem BDKJ herausgegeben) erschienen ist.  www.misereor.de/fileadmin/publikationen/aktionsmaterialfair-durchs_kirchenjahr.pdf


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