Gibt's im Himmel Fairen Handel?

Eine schwierige Frage? Nein - Überhaupt nicht! Denn wenn es im Himmel Handel gibt, ist er natürlich fair. Sonst wär's ja nicht der Himmel!

Damit wäre diese Frage schon geklärt. Aber wie sieht es denn aus, wenn wir die Frage umdrehen? Wieviel Himmel gibt es im Fairen Handel? Wieviel Glaube und Spiritualität sind hier anzutreffen? 

Ein Blick auf die Anfänge des Fairen Handels in den frühen 1970er Jahren zeigt uns, dass in dieser Zeit das öffentliche Interesse an Lebensumständen in anderen Kontinenten zunahm. Der Zusammenhang zwischen dem Konsum billiger Produkte bei uns und der Not und Armut in den Erzeugerländern wurde zum Thema. Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis wurden Modelle für ein alternatives, gerechteres Handeln entwickelt. Der Gedanke des Fairen Handels an sich entstand wesentlich auch durch den Einsatz der kirchlichen Jugendarbeit. Den Jugendlichen war es ein Anliegen, sich für mehr Gerechtigkeit im Welthandel einzusetzen. Die kirchliche Jugendarbeit beschränkte sich nicht mehr auf Bibelstunden, Singkreise und Jungschar. Sie wurde zunehmend politischer. 

Auch Erwachsene gründeten neue Gruppen, in denen sich Menschen mit gleichen Zielen aus ähnlichen Beweggründen zusammenschlossen, um Verbraucherinnen und Verbraucher im Norden zu einem anderen Einkaufsverhalten und einem anderen Lebensstil zu motivieren und Welthandelsstrukturen durch konkrete Alternativen und politische Arbeit zu beeinflussen und zu verändern. Initiatoren für Aktionsgruppen und Weltläden, aber auch für Importorganisationen, waren häufig Menschen, die in der Entwicklungszusammenarbeit tätig waren. Sie haben erlebt, welche Auswirkungen unser Handeln auf die Lebensumstände der Menschen in den Ländern des Südens haben. Dem etwas entgegen zu setzen, hat sie nach ihrer Rückkehr motiviert, alternative Handelsmodelle aufzuzeigen. Für sie war Fairer Handel politisches Engagement aus christlicher Motivation heraus. Die europaweit größte Importorganisation GEPA mbH wurde vom KED (Kirchlicher Entwicklungsdienst), Misereor und der damals neu entstandenen AG3WL (heute Weltladen-Dachverband) gegründet. Heute sind alle Gesellschafter kirchliche Hilfswerke und kirchliche Jugendverbände. Die Anteile werden jeweils zur Hälfte von katholischen und evangelischen Organisationen gehalten. Damit dürfte die GEPA die einzige „ökumenische“ GmbH sein. Auch andere Importorganisationen wie z.B. EL PUENTE GmbH gingen aus einem „ökumenischen Arbeitskreis Entwicklungshilfe“ hervor.

Gottesdienste zum Weltladentag und andere Veranstaltungen – spielen sie noch eine Rolle? 

Es entstanden kirchliche Aktionsgruppen, die erste fair gehandelte Produkte in ihrer Kirchengemeinde, häufig nach dem Gottesdienst, verkauften. Manche davon sind immer noch tätig – zum Teil mit ihren Gründungsmitgliedern. Ein solches Durchhaltevermögen ist bewundernswert und zeugt von hoher Motivation. Der Verkauf am Sonntag genügte oft nicht mehr, aus den kirchlichen Aktionsgruppen entwickelten sich Weltläden. Sie sind ihrer Kirchengemeinde in der Regel eng verbunden, sind bei den Festen der Gemeinde präsent und gestalten Gottesdienste zum Thema Fairer Handel mit. Ökumenische Gottesdienstbausteine, die zu verschiedenen Anlässen von den Hilfswerken herausgegeben werden, unterstützen die Läden und Gruppen in ihrer Arbeit.

Ist Glaube ein Mehrwert für Fairen Handel?

Vielleicht motiviert der eigene Glaube besonders dazu, fair und rücksichtsvoll zu handeln. Nächstenliebe und die Frage nach Gerechtigkeit sind starke Werte im christlichen Glauben. Fair zu handeln, allen Menschen, egal welcher Herkunft, Respekt entgegen zu bringen und auf Augenhöhe zu begegnen, sollte für gläubige Menschen selbstverständlich sein, und zwar nicht nur aus einer momentanen Idee heraus sondern als eine Grundhaltung in ihrem Leben. Die Botschaft des Evangeliums drängt geradezu zu einem Einsatz für Gerechtigkeit auch im Welthandel. In Mitteleuropa ist es nicht üblich, bei allen möglichen Gelegenheiten über den eigenen Glauben zu sprechen. Wer betet, tut dies zu Hause im stillen Kämmerlein oder in der Kirche. Glaubenspraxis ist zur Privatsache geworden, die im öffentlichen Raum zunehmend verschwindet. Anders bei vielen Produzenten der fairen Produkte. Sie trennen nicht so stark zwischen Glaube und Alltag. Bei Veranstaltungen und Festen z.B. ist für sie ein Dank an Gott in Begrüßungen und Ansprachen selbstverständlich.

Wieviel Fairen Handel gibt’s in den Kirchen?

In einem Pressetext zur Aktion „Fairer Kaffee in die Kirchen“ 2010 hieß es: Insbesondere kirchliche Gruppen gelten in Deutschland als die Pioniere des Fairen Handels. Deshalb sollte eines der großen Anliegen der Kirchen – Gerechtigkeit zwischen Süd und Nord – im Fairen Handel zum Ausdruck kommen. Aus diesem Grund stehen wir in einer besonderen Verantwortung: Unsere Kriterien für den Einkauf von Lebensmitteln und anderen Produkten sollten „gerecht“ fair und nicht „zu teuer“ lauten. Sonst hat die Kirche ein Glaubwürdigkeitsund Gerechtigkeitsproblem. Mit der Umstellung auf fair gehandelte Produkte sorgen diakonische Einrichtungen und Gemeinden dafür, dass die Kirche eine Vorbildfunktion übernimmt – denn dann tut sie das, wofür sie steht. Ungerechtes Handeln in den Kirchen und ihren Gemeinden ist demnach nicht vorstellbar. Wo doch schon in der Bibel steht „Recht und Gerechtigkeit tun ist dem Herrn lieber als Opfer“ (Sprüche 21,3). Die EKD-Synode beschloss 2008 „Zehn Schritte zum schöpfungsgerechten Handeln“. Der zehnte Schritt widmet sich dem „bewusst nachhaltigen Wirtschaften“. Mit dem „Beschluss zum Fairen Handel“, den die EKD-Synode 2002 fasste, wurden die Kirchengemeinden sowie evangelische Einrichtungen zur Beschaffung fairer Produkte aufgerufen. Dieser Beschluss wurde mehrfach erneuert. Auch der Vorstand des Diakonischen Werkes der EKD erklärte 2005 im Rahmen der Umweltpolitik: „Wir bevorzugen umweltfreundliche Produkte, Verfahren und Dienstleistungen sowie Waren aus Fairem Handel.“ (Diakonisches Werk der EKD 2006, 12) Trotzdem werden auch heute immer noch nicht in allen Kirchengemeinden bei allen Anlässen faire Produkte verwendet. Manchmal nur deshalb, weil die für den Einkauf zuständigen Personen ein paar Cent sparen wollen, um nach dem Fest mehr spenden zu können. Dass sich durch den Kauf fair gehandelter Produkte in vielen Fällen eine Spende erübrigt, weil die Erzeuger durch ihre Arbeit ein menschenwürdiges Auskommen haben, scheint immer noch nicht überall angekommen zu sein. Da muss wohl noch ein wenig „geistige Entwicklungshilfe“ geleistet werden…

Hat sich der FH von kirchlichen/ spirituellen Wurzeln entfernt?

Wer sich heute erfolgreiche Weltläden anschaut, sieht nichts mehr von der alternativen Szene. Die Läden sind im Markt angekommen, sie verzichten nicht mehr zugunsten einer kostenlosen Miete auf einen guten Standort. Im Sinne der Produzent*innen präsentieren sie sich hell, freundlich und einladend in guter Lage – unabhängig davon, ob sie kirchlich getragen sind oder nicht. Die Anbindung an eine Kirchengemeinde ist bei Weltläden nicht mehr so offensichtlich wie bei vielen Aktionsgruppen. Es gibt keine Erhebung darüber, wie viele Gruppen und Läden kirchlich getragen sind. Es ist gut möglich, dass im süddeutschen Raum mehr dazu gehören als in anderen Regionen. Mittlerweile sind es auch viele kirchlich ungebundene Gruppen, die sich für den Fairen Handel engagieren. Das Netz ist größer geworden und die Kirchen sind heute nicht mehr Hauptakteure im Fairen Handel. Sie sind aber ein wichtiger Teil dieser Fairhandels-Bewegung, in der sie mitwirken und als gläubige Menschen das, was sie glauben, auch in die Praxis umsetzen können. Das war in den Anfängen so und ist bis heute so geblieben. Die Motivation ist aber auch hier, der Bevölkerung alternative Wirtschaftsformen nahezubringen, ein Bewusstsein für ethisch verantwortliches Handeln zu schaffen und dazu beizutragen, dass alle in der Kette, von den Produzent*innen über die Importorganisationen und Lä- den bis hin zur Kundschaft, vom fairen Handel profitieren. Fairer Handel verbindet. Allen Aktiven im Fairen Handel ist gemeinsam die Suche nach Lösungen in Fragen von Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Die einen tun es, weil sie die Menschenrechte umsetzen wollen, die anderen, weil sie aus der Quelle ihres Glaubens das Reich Gottes auf Erden für alle Menschen suchen und gestalten wollen. Der Faire Handel braucht Menschen, die daran glauben, dass mit Gottes Hilfe und menschlichem Engagement die Erde ein wenig himmlischer werden kann.

Gabriele Cleeves


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