Welt & Handel

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Es ist ein Leserbrief eingegangen:

Thema: Zukunft des Fairen Handels

November 2008

Also, ich denke auch, dass wir z.Zt. eine spannende und aufregende Phase in der Entwicklung des Fairen Handels (FH) haben. Ich denke, wir sind jetzt endlich da, wo wir seit vielen, vielen Jahren hinwollten. Als ich damals von TransFair die e-mail mit der Nachricht über die Lidl-Vereinbarung bekam dachte ich fast gleichzeitig: „Endlich !“ und „Oh Gott, was kommt da jetzt auf uns zu ?“ „Endlich“, denn wir sind doch mit der Entscheidung für das Siegel-System angetreten, uns aus der wohligen Kuschelecke Weltladen als einzigem Verkaufspunkt weiter zu entwickeln und FH nicht nur bekannter zu machen, sondern auch mehr Umsatz zu Gunsten der Produzenten zu erzielen. Damit war klar: Ab jetzt arbeiten wir mit Unternehmen zusammen, die nicht nur FH betreiben, sondern FH-Produkte als einen (manchmal nur sehr kleinen) Anteil an der Produktpalette betrachten. Von daher ist Lidl nur eine konsequente Entwicklung. Wenn ein so hoher Prozentsatz von Menschen seinen täglichen Bedarf beim Discounter deckt, dann muß FH in den Discounter. „Oh Gott, was kommt da auf uns zu ?“ weil mir sofort klar war, dass es einen Riesenaufschrei in der Szene geben würde. Ich bin auch kein Lidl-Fan, aber, wenn Lidl die Standards erfüllt, dann bekommt Lidl das Siegel. Das macht die andere Unternehmenspolitik bei Lidl nicht besser, aber es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Und das gleiche gilt m.E. für alle weiteren Kooperationen mit Multis oder sonstige Markt-Riesen. Deshalb plädiere ich dafür endlich (nach mehr als einem Jahr) die ideologische Färbung aus der Debatte zu nehmen und stattdessen mit kühlem Kopf und Selbstbewusstsein weiter zu denken und zu gehen. Klar ist für mich: Der FH muß sich weiter entwickeln, ohne dabei seine Ansprüche aufzugeben. Es muß weiterhin klar sein, dass die Standards für alle gelten – ohne Ausnahme. (Das heißt dann für mich auch die Anfrage an gepa, elpuente und dwp, offen zu legen, wie und durch wen sie ihr Handeln unabhängig kontrollieren lassen – so sie sich nicht durch FLO oder die dort angeschlossenen Initiativen kontrollieren lassen, schließlich ist unabhängige Kontrolle doch ein sehr wichtiges Kriterium für Glaubwürdigkeit). Genauso klar ist, dass wir als Weltläden uns weiter entwickeln müssen. Es nutzt uns nichts, uns jammernd in die Schmollecke zurück zu ziehen und auf unseren „Original“-Status zu berufen. Wenn wir auf Dauer – auch und gerade für die Produzenten – Erfolg haben wollen, dann müssen wir uns wirklich weiter entwickeln: selbstbewusst, selbstkritisch und kreativ. Das kann uns niemand abnehmen, das müssen wir selber tun. Und dabei hilft uns ein Rummäkeln an der Situation überhaupt nicht weiter. Erst Recht keine Spaltung der Szene. Klar ist auch, FLO und TransFair sind an einen Punkt gelangt, wo sie aufpassen müssen, dass der eigene Erfolg sie nicht überrollt. Und dabei könnten sie m.E. die Solidarität und wohlwollend-kritische Begleitung durch den Rest der Szene gut gebrauchen. Bei all den Dingen, die in der Weltläden-Szene und bei den ATOs nicht immer rund laufen (und da könnte jeder/ jede aus der Szene wahrscheinlich stundenlang von erzählen) steht uns was Fehler machen angeht ein Stück Bescheidenheit gut zu Gesicht. Ich jedenfalls kenne in der Szene niemanden, der so professionell arbeitet wie die TransFair-Geschäftsstelle, Fazit: Ich freue mich grundsätzlich über die Entwicklung des FH und finde es toll in so einer spannenden Phase sowohl innerhalb unseres Weltladens als auch als Multiplikator für TransFair meinen Beitrag leisten zu können. Und ich hoffe, dass wir möglichst bald zu einer wirklich konstruktiven Debatte kommen, in der die Weltläden ihre Rolle noch einmal neu überdenken.

Faire Grüße

Hermann Hölscheidt

Weltladen Waltrop

Multiplikator bei TransFair e.V.

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ältere Leserbriefe:

Thema: MAINSTREAM? MAINSTREAM!

Zur Debatte "LIDL und der Faire Handel"

schreibt Wolfram Walbrach, Evangelische Kirche im Rheinland, Landeskirchenamt/Kirchlicher Entwicklungsdienst:

"Vielen Dank für die recht breite Darstellung der mit dem "LIDL" - Siegel verbundenen Positionen. Eigentlich sind fast alle Argumente genannt, die zu einer breiten Debatte gehören. Dennoch möchte ich als einer der "Alten" im Fairen Handel etwas beitragen, was zur Geschichte des Fairen Handels gehört, nicht alle wissen können, aber dennoch einbezogen werden sollte. Als wir Ende der 80-er Jahre über die Einführung des Siegels sprachen - aus diesen Debatten wurde dann TransFair - wussten es alle, aber niemand hat es zu Ende diskutiert: mit der Senkung der Zugangsschwelle zu Produkten aus dem Fairen Handel machten wir die Tür auf zum "Normalhandel", gingen wir in die Konkurrenz zu den ganz gewöhnlichen Anbietern im Lebensmittelmarkt. Die Frage, was denn sei, wenn ALDI käme und das Siegel wolle, wurde gestellt, aber nicht zu Ende diskutiert. Die Weltläden widersprachen damals vehement der Gründung von TransFair, weil sie um Absatz fürchteten und darum, dass es nun nur noch um Umsatz geht und nicht mehr um Bildungsarbeit und entwicklungspolitische Inhalte.

Nun, es hat eine Erneuerung der Läden eingesetzt, die dem Fairen Handel unter entwicklungspolitischen Gesichtspunkten gut getan hat und gut tut, die aber verstärkt und schneller als bisher weitergehen muss. Zugegeben: wir hatten die Aussage der Produzenten im Ohr, die mehr Absatz und bessere Präsentation der Waren forderten. Und haben dabei die andere Dimension nicht diskutiert. Damals war hierzulande die Discount-Mentalität auch noch nicht so ausgeprägt wie heute. Der Erfolg durch TransFair und auch durch die Veränderungen in vielen Weltläden ist ja positiv - jedenfalls für die Produzenten, was ja ein wesentlicher Teil des Fairen Handels ist.

Mit dem Siegel für eine Produktreihe bei LIDL allerdings sind zwei Dinge verbunden. Einmal: der Faire Handel ist in der harten Konkurrenz des Marktes angekommen, aus der "Kuschelecke" raus, was noch einmal die Verantwortung für die Sicherung der Nachhaltigkeit im Absatz der Waren beleuchtet. Das Andere ist: die Globalisierung macht vor unserer Tür nicht halt und das bedeutet, dass die Läden und die Gruppen politisch wieder stärker wirken müssen. Was für Produktionsstandards bei Siegel-Partnern gilt, muss auch in unserem Land gelten, also im Vertrieb hierzulande. Darin liegt die Aufgabe, die durch die - vielseitig lamentierend kommentierte - Entwicklung deutlich vor der Fair - Handels - Bewegung liegt: die öffentliche Debatte in unserem Land über die "Geiz-ist-geil-Mentalität" zu intensivieren, auf die Folgen für Menschen im Süden hinzuweisen und den Fairen Handel als Modell noch besser ins öffentliche Bewusstsein zu bringen mit besserer und kreativerer Arbeit an Schulen, in Vereinen, in (Kirchen)-Gemeinden und sonst wo. Nicht lamentieren, (re)agieren ist angesagt!"