Gemeinwohl-Ökonomie als Chance für den Fairen Handel?

„Wer in einer begrenzten Welt an unbegrenztes exponentielles Wachstum glaubt, ist ein Idiot oder Ökonom“, Kenneth Boulding, Ökonom

 

Unser Wirtschaftssystem ist darauf ausgerichtet, ständig zu wachsen ungeachtet der begrenzten natürlichen

Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen. Durch die Erfindung der so genannten grünen Wirtschaft, der Green Economy, können wir durch technische Innovationen alle möglichen Produkte mit weniger Energie, Ressourcen und Emissionen herstellen, so dass ein unendliches und nachhaltiges Wachstum möglich scheint. Doch auch diese Ökonomie hat weiteres Wachstum zum Ziel und zur Folge und blendet systematisch die natürlichen Lebensgrundlagen und das soziale Miteinander als tragende Säulen unseres Lebens aus.

Von nahezu allen Parteien in Deutschland wird argumentiert, dass ohne Wachstum keine Arbeitsplätze geschaffen würden, keine Gelder für Bildung, keine Hilfe für die Schwachen und kein Fortschritt stattfinden könne. Als Beispiel sei hier das 2009 unter Angela Merkel eingeführte „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ erwähnt. Als alleiniger Wohlstands-Indikator wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) herangeführt. Soziale Indikatoren, wie z.B. Gleichstellung und Arbeitsplatzqualität, demokratische Mitbestimmung und die Reduktion ökologischer Auswirkungen werden bisher von der Politik kaum heran gezogen, wenn es um die Wohlstandsfrage geht. Das Wachstum jedoch nicht glücklich macht, zeigen Umfragen. Ab einem bestimmten materiellen Niveau ist für die persönliche Zufriedenheit nur noch die relative Position innerhalb einer Gesellschaft wichtig.

Wirtschaftswachstum geht häufig mit negativen Effekten wie Beschleunigung, Konkurrenzdruck, Kommerzialisierung und Umweltzerstörung einher und führt vor allem in den ärmeren Ländern zu Hunger und Armut. Global betrachtet gelingt es bisher noch keinem Land der Erde, einen hohen Entwicklungsstand mit einem nachhaltigen Ressourcenverbrauch zu verbinden. Das zeigt die Zusammenschau von Daten des Human Development Index (HDI) und des Ökologischen  Fußabdrucks im Verhältnis zur global verfügbaren Biokapazität. Ein Überleben ist jedoch nur möglich, wenn wir innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der Erde wirtschaften. Zwar können Investitionen in Wissen und Können bis zu einem gewissen Grad das Ressourcenproblem und den Klimakollaps verschieben. Doch zeigt auch das Beispiel Deutschland – immerhin wurden 2012 etwa drei Prozent des BIP in Wissenschaft und Forschung investiert – dass dies schwieriger ist als gedacht
(Quelle: http://www.denkwerkzukunft.de/index.php/aktivitaeten/index/Entwicklung-Nachhaltigkeit/).

Der sogenannte Trickle-down-Effekt geht davon aus, dass Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen nach und nach in die „unteren Schichten“ der Gesellschaft durchsickern. Führende Ökonomen, unter anderem die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Paul Krugman und Joseph E. Stiglitz, bezweifeln den Wahrheitsgehalt der Theorie heute. Eine Studie der New Economics Foundation (NEF) zeigte auf: Von 100 Euro Welt-Wirtschaftswachstum kommen nur 0,60 Euro der mehr als eine Milliarde Menschen zugute, die von weniger als einem Euro pro Tag leben. Wachstum per se verringert weder Armut noch Ungleichheit. Historisch gesehen hat es beides eher dramatisch verschärft. (Quelle: Susanne Brehm, Konzeptwerk Neue Ökonomie, 2014).

 

Die Gemeinwohl-Ökonomie – Visionär oder Impulsgeber für ein anderes Wirtschaften?

Die gegenwärtigen ökologischen, sozialen und ökonomischen Krisen fordern mutige und entschlossene Visionen und Menschen, die sich an der Entwicklung einer sozial nachhaltigen Zukunft beteiligen. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine politische Vision, die eine Wirtschaft für die Menschen und die Umwelt schaffen möchte. Dabei soll das wirtschaftliche Ziel nicht mehr die Gewinnmaximierung, sondern die Maximierung des Gemeinwohls sein. Der Wertewiderspruchzwischen Markt und Gesellschaft soll damit aufgehoben werden. Neben sozialen Werten, wie Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Teilhabe soll auf ökologischer Ebene der Ressourcenverbrauch auf ein global nachhaltiges Niveau gesenkt werden. Die internationale Bewegung für eine GemeinwohlÖkonomie versteht sich in diesem Sinne als Impulsgeber und Initiator für weit reichende Veränderungen.

Auf wirtschaftlicher Ebene entwickelt die Bewegung konkret umsetzbare Alternativen für Unternehmen verschiedener Größe und Rechtsform. Auf politischer Ebene strebt die Bewegung rechtliche Veränderungen mit dem Ziel an, ein bedarfsgerechtes Leben für alle Menschen und die Erhaltung der Erde als Ökosystem zu ermöglichen. Auf gesellschaftlicher Ebene ist die Bewegung eine Initiative der Bewusstseinsbildung für Systemwandel,  die auf dem gemeinsamen, wertschätzenden Tun möglichst vieler Menschen beruht. Mittlerweile unterstützen laut Christian Felber, Mitbegründer der GemeinwohlÖkonomie, 1600 Unternehmen aus 30 Ländern die Bewegung, darunter in Deutschland, Österreich und Spanien, aber auch Kolumbien und Argentinien.

Gemeinwohl-Ökonomie und Fairer Handel

Auch die diesjährigen Weltladen-Fachtage befassten sich mit der Frage, welche Chance die Gemeinwohl-Ökonomie für den Fairen Handel und die Weltläden hat. Rudi Dalvai, Präsident  der WFTO, ging in seinem Beitrag auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Ansätze ein. Während die GWÖ alle Wirtschaftszweige umfasse, beschränke sich der Faire Handel auf den internationalen Handel mit kleinen Produzenten/-innen. Der Faire Handel sei aber ein Teil der GWÖ mit einem speziellen Fokus. Thomas Hoyer, Vorstand der dwp eGFairhandelsgenossenschaft, blickt bereits auf einige Erfahrungen mit der  GemeinwohlÖkonomie zurück. Die Importorganisation hat als erster Akteur im Fairen Handel in Deutschland 2012 eine Gemeinwohl- Bilanz erstellt. Aus seiner Sicht passen das Genossenschaftsmodell, die weit über den üblichen Fairen Handel hinaus gehenden Arbeitsfelder von dwp, die transparente Organisationsstruktur sowie die enge Zusammenarbeit mit der Werkstatt der Bruderhaus-Diakonie ideal zum Ansatz der GWÖ. So werden durch letztere etwa 50 Menschen mit psychischen Erkrankungen mit qualifizierten, auf die individuellen Fähigkeiten zugeschnittenen Aufgaben betraut und somit vorsichtig an den „Ersten Arbeitsmarkt“ herangeführt.

Aus Sicht von Thomas Hoyer bietet die GWÖ durchaus eine Chance für den Fairen Handel – sowohl für die klassischen Fair-Handels-Organisationen als auch die Weltläden. So setzt der Faire Handel der Weltläden von Anfang an auf die fünf Werte der GemeinwohlÖkonomie (Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie/ Transparenz). Zudem ist die Arbeit der Weltläden von der Vision eines solidarischen, fairen und ökologischen Wirtschaftens geprägt. Das starke gesellschaftliche Engagement der Weltläden könne nach Hoyer das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für eine gemeinwohlorientierte Ökonomie schaffen und als große Bewegung politische Forderungen stellen.

Andererseits kann die GWÖ den Weltläden auch „Baustellen“ oder Potenziale im eigenen Handeln aufzeigen, wie zum Beispiel die Kooperation mit regionalen Partnern oder das Ermöglichen eines „fairen“ Einkommens für feste Weltladen- Mitarbeiter/-innen. Die zukünftige Partnerschaft von Fairem Handel und Gemeinwohl-Ökonomie wirft dennoch viele Fragen auf.

Können und sollen sich Fair-Handels- Unternehmen mit der Aufstellung einer GWÖ-Bilanz gemeinsam mit den Weltläden gegenüber Fairtrade und anderen Akteuren profilieren? Wie können Importeure und Weltläden daran arbeiten, ihren Kunden/-innen den Mehrwert der GWÖ-Idee vermitteln? Und wie können in diesen Prozess die Produzenten/-innen eingebunden werden? Auch das Thema Wachstum ist im Fairen Handel ein viel diskutiertes Thema. So argumentiert TransFair den Mengenausgleich sowie den verringerten Anteil an fair gehandelten Zutaten in Mischprodukten mit der Begründung, dass die Produzenten/-innen dadurch größere Mengen im Fairen Handel absetzen und auf dem internationalen Markt bestehen können.

Hier gilt es, in Zukunft genau hinzuschauen, ob ein solches Wachstum von allen Produzenten/-innen gewünscht wird und welche Zielgruppen unter ihnen wirklich von den steigenden Absatzmengen profitieren. Die Kaffee-Genossenschaft Cosatin aus Nicaragua geht beispielsweise einen anderen Weg. Hier hat die Selbstversorgung Vorrang vor der Mengensteigerung. Beim Kaffeeanbau wird auf Diversifizierung statt auf Kaffee-Monokultur geachtet, indem weitere Produktionszweige wie Imkerei und Milchviehwirtschaft aufgebaut wurden. Neben dem Absatz über den Fairen Handel spielt die Eigenvermarktung in Nicaragua eine zunehmende Rolle. In der Beratung wird auf Qualität statt Quantität geachtet, beispielsweise durch die Umstellung auf ökologischen Anbau.

Weitere Infos zum Thema Postwachstum und Gemeinwohl-Ökonomie:

www.postwachstum.de

www.konzeptwerk-neue-oekonomie.org

www.gemeinwohl-oekonomie.org

www.ecogood.org/sites

MISEREOR hat sich bereits ausführlich mit dem Thema beschäftigt und ein Dossier dazu erstellt: www.misereor.de/themen/wirtschaft-fuer-die-armen/gemeinwohl-global.html

Autor: Achim Franko/Fair-Handels-Beratung Thüringen im Weltladen-Dachverband e.V.

Foto: Thomas Hoyer, dwp

Grafik: Gemeinwohl Ökonomie


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