Welt und Handel: Brückenbauer zwischen den Welten

Brückenbauer zwischen den Welten

Migrant*innen können einen wichtigen Teil zum Fairen Handel und zur Entwicklungspolitischen Arbeit beitragen

Der Faire Handel leistet einen Beitrag zur Bekämpfung der Armut und ist ein Beispiel für die Umsetzung eines gerechten Welthandels. Gegenüber Politik und Wirtschaft sendet er ein starkes Signal hinsichtlich ungerechter Handelsstrukturen.In der Bevölkerung schafft er ein Bewusstsein für die Auswirkungen einer unkontrollierten, Menschenrechte verletzenden Globalisierung. Gleichzeitig ist den Akteur*innen im Fairen Handel bewusst, dass seine Möglichkeiten, Ungerechtigkeiten im internationalen Handel zu beseitigen, begrenzt sind. Dazu bedarf es struktureller Veränderungen in den internationalen Handelsbeziehungen, die der Faire Handel benennt und einfordert.

In Weltläden und Gruppen engagieren sich Menschen hier für Menschen im globalen Süden. Sie informieren über Land und Leben der Kleinbauern und Arbeiter*innen, ihre Not und ihre Freude, Handel und Hilfe. Zur Fairen Woche kommen Vertreter*innen der Partnerorganisationen und erzählen über ihre Erfahrungen mit dem Fairen Handel. Sie berichten wie er ihnen, den Familien und ganzen Dörfern hilft, ein menschenwürdiges Leben zu leben. Einbeziehung der Menschen aus anderen Ländern und Kulturen Elena Mururoa, Fachpromotorin beim Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg (DEAB) ist als Migrantin im Fairen Handel aktiv: „Der Faire Handel spielt in meiner entwicklungspolitischen Arbeit eine zentrale Rolle. Ich bin in Peru geboren und wohne seit 1993 in Deutschland. Seit 1994 bin ich in der Entwicklungspolitik tätig. Gleich von Anfang an habe ich mich mit dem Fairen Handel beschäftigt. Jetzt arbeite ich als Eine Welt-Fachpromotorin Fairer Handel beim DEAB.“ Die Entwicklung des Fairen Handels wird von den konkreten Handlungen in der Realität bestimmt. Von Anfang an gab es keinen Anspruch auf Vollkommenheit. Das Lernen durch Handeln bestimmt diesen Prozess. So hieß der erste fair gehandelte Kaffee „Indio Kaffee aus Guatemala“. Heutzutage gibt es mehrere Partnerschaftskaffees. Die Dritte Weltläden heißen heute Weltläden. Sie arbeiten zusammen mit ihren Partnern im Globalen Süden für mehr Gerechtigkeit für alle Menschen auf unserer Einen-Welt. Diese direkte Beziehung mit Produzenten bzw. der sozialen Bewegung im Globalen Süden bestimmt die positive Entwicklung des Fairen Handels. Migrant*innen sind können entwicklungspolitische Experten sein. Sie verfügen über große Fachkompetenzen, haben viel Erfahrungen in der konkreten Arbeit in diesem Bereich gesammelt und sprechen nicht „darüber“ sondern „davon“. Es gibt einige gute Beispiele der interkultureller Zusammenarbeit von Weltläden. Teilweise arbeiten Ehrenamtliche aus anderen Ländern in den Läden mit und bringen ihre eigenen Perspektiven mit ein.

„So können Migranten mit ihren Expertisen und Erfahrungen als natürliche Brückenbauer agieren. Sie pflegen direkt Beziehung zu den Menschen ihrer Heimatländer und unterstützen sie in ihrem Kampf gegen Armut und für mehr Gerechtigkeit. Der Faire Handel darf auf diese Erfahrungen nicht verzichten“, sagt Elena Mururoa. Der Eine-Welt-Laden in Ahaus hat bereits seit einigen Jahren Erfahrungen mit Migrant*innen, die im Laden mitarbeiten. Beate Hofmann, Leiterin des Eine-Welt-Ladens erklärt: „Über ihre Mitarbeit im Laden versuchen sie, ihre Deutschkenntnisse anzuwenden oder zu verbessern. Sie arbeiten mit deutschen Mitarbeiter*innen zusammen, so dass sie schnelle Lernerfolge haben.“ Auch bei besonderen Projekten, wie Faire Frühstücke, die gemeinsam mit dem Caritasverband in Ahaus veranstaltet werden, unterstützen die Mitarbeiter*innen mit Migrationshintergrund bei den Vorbereitungen und der Durchführung. „Wir lernen neue Lebensmittel, Gewürze und Rezepte kennen, die wir ohne die Migrant*innen nie ausprobiert hätten. Einige davon bestellen wird jetzt für unseren Laden.“ Auch ausgefallene Handwerksprodukte, wie Panflöten, wurden auf Wunsch und Hinweis der Mitarbeiter*innen in den Warenbestand aufgenommen. „In Kooperation mit anderen Organisationen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, konnten wir eine Musikgruppe für Veranstaltungen engagieren. Oder beim Afrikafest, als wir Gerichte aus der Heimat der Migrant*innen gekocht haben – mit einem Großteil der Zutaten, die aus unserem Eine-Welt-Laden stammten. Auch hier geht es um Integration, voneinander lernen und gemeinsam Spaß haben.“

Migration & Entwicklung wird in Baden-Württemberg groß geschrieben

In der Mitgestaltung der Eine-Welt-Arbeit durch Migrant*innen und der gesellschaftlichen Teilhabe im Bereich der entwicklungspolitischen Arbeit liegt ein großer Mehrwert. Das war Grund genug für den Dachverband Entwicklungspolitischer Gruppen (DEAB) diese Thematik in das Eine-Welt-Promotor*innen-Programm in Baden-Württemberg aufzunehmen. Migrant*innen sind seit vielen Jahren entwicklungspolitisch aktiv tätig und gestalten sowohl die Inlands- als auch die Auslandsarbeit mit. Durch ihre Kompetenzen vermitteln sie in der Bildungsarbeit Fachwissen und sorgen mit realitätsnahem Erfahrungsaustausch für einen reflektierten Perspektivwechsel. Auch für die Entwicklung ihrer Herkunftsländer leisten Migrant*innen mit ihren Erfahrungen, Kompetenzen und ihrem Engagement einen unerlässlichen Beitrag“. Um diese Mitgestaltung der Eine-Welt-Arbeit durch Migrant*innen zu unterstützen wurden zwei Stellen für das Thema Migration und Entwicklung im Rahmen des Eine-Welt-Promotor*innen-Programm geschaffen: beim Eine-Welt-Forum in Mannheim und beim Forum der Kulturen in Stuttgart. Mit Paulino Miguel und Isabelle Francois sind zwei Promotor*innen dort angestellt. „Voraussetzungen für das Gelingen der Projekte sind Sichtbarkeit der Aktivitäten von engagierten Migrant*innen, Wahrnehmung ihrer Potenziale, und die Vernetzung mit anderen Akteuren. Dazu kommt die Stärkung des entwicklungspolitischen Engagements von Migranten und der Zugang zu Informationen bezüglich Qualifikation, Beratung und Fördertöpfe sowie „interkulturelle Öffnung" der entwicklungspolitischen Arbeit in Deutschland“, erklärt Isabell  Francois die Idee. Es ist also an uns, den Weltläden und Gruppen, sich die Expertisen der Migrant*innen zu Nutze zu machen und Brückenbauer zu sein.

Gundis Jansen-Garz

 


 

"Eine Person hat dann einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist." (Statisches Bundesamt). Aus Sicht ihres Herkunftslandes sind Migranten Auswanderer (Emigranten), aus Sicht des Aufnahmelandes Einwanderer (Immigranten). Die Umschreibung „Menschen mit Migrationshintergrund“ fasst Migranten und ihre Nachkommen unabhängig von der tatsächlichen Staatsbürgerschaft zusammen. (wikipedia.de)

 

Interview mit Bunmi Bolaji vom Deutschen Afrika Ruhr Forum e.V. Bochum

W&H: Warum stellt das entwicklungspolitische Engagement von Migrant*innen Ihrer Meinung ein besondere Chance und Herausforderung dar?

Bunmi Bolaji (BB): Die Welt ist ein „Entwicklungsland“ dessen Entwicklung uns alle angeht, unabhängig davon, woher wir kommen und wo wir uns befinden. Wer sich aber zufällig, gewollt oder ungewollt woanders befindet als in seinem sogenannten „Herkunftsland“, ist bestens in der Lage, zu vergleichen und Zusammenhänge besser zu verstehen und zu transportieren. Ein wertvolles Engagement, das eine Chance für eine all-inclusive und effektive globale nachhaltige Entwicklung darstellt, was wiederum die MDGs und SDGs widerspiegelt. Die Herausforderung hierzu sind, die Möglichkeiten und die Rahmenbedingungen für solche Engagements – sowohl lokal, als auch global – zu schaffen.

W&H: Gibt es Erfahrungen von Weltläden oder entwicklungspolitischen Gruppen dahin gehend?

BB: Ja, auch wenn es noch in relativ kleinem Rahmen ist. Beispielsweise setzen sich die „Eine-Welt-Akteure“ seit geräumiger Zeit dafür ein, dass die Menschenwürde und die Rechte von Menschen durch „Fairen Handel“ in den Mittelpunkt rücken. Weltläden machen nicht nur auf „Weltprodukte“ und die Rahmenbedingung der Beschaffung aufmerksam, sie leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Begegnung mit anderen Kulturen und dadurch auch zum Brückenbauen. Die Interkulturelle Öffnung der Aktivitäten der „Eine Welt Gruppen und Netzwerke“ machen ebenfalls Fortschritte.

W&H: Wie können Weltläden ggf. auf Migrant*innen zugehen, um sie für die Arbeit im Weltladen zu gewinnen?

BB: Also, in erster Linie geht es nicht um die Arbeit der Weltläden, sondern um eine nachhaltig entwickelte Welt. Durch die Weltläden erhalten viele Menschen meistens die erste Information über die „exotischen“ Produkte, die sie im Alltag konsumieren sowie über die Menschen und Kulturen, die dahinter stehen. Weltläden und Akteure der Eine Welt Gruppen und Netzwerke bieten Informationen an, Hintergründe und Zusammenhänge zu aktuellen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen. Durch das Vorantreiben der interkulturellen Öffnung der Aktivitäten sowie die Wertschätzung ihrer Kompetenzen werden Migrant*innen sich allmählich mehr für die Arbeit angesprochen fühlen und werden sich auch dementsprechend engagieren.

W&H: Was lernen wir voneinander?

BB: Voneinander lernen wir die Realität unseres Daseins als Menschen auf dieser Erde, unabhängig von Standort und Kulturen. Wir lernen voneinander, wie sehr wir einander brauchen, um zu überleben und die Zusammenhänge zwischen unserem Handeln und globalen Entwicklungen. Der Genuss der Vielfalt in jeder Hinsicht ist vor allem eine Bereicherung des Lebens für uns alle.

W&H: Vielen Dank!


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